
Schulgarten
14. Mai 2026Zur 50-jährigen Geschichte von 13 Häusern an der Bünz
Im Jahr 2022 wurde im Steinacker ein runder Geburtstag gefeiert und dabei konnten 50 Kerzen auf der Geburtstagstorte ausgeblasen werden. Das runde Fest war weder einer Frau noch einem Mann, sondern einer ganzen Siedlung mitsamt ihren grossen und kleinen Bewohnern gewidmet. Auf das Fest gehen wir etwas später ein, denn zuerst wollen wir berichten, wie es zu diesen 13 Häusern an der Bünz gekommen ist.
Eine Siedlung entsteht
Im Jahr 1972 erfolgte der Spatenstich auf dem Land, das Hermann Zobrist (Schmittengässli) an die Walter Lüem AG verkauft hatte. Das Architekturbüro Atelier P.&D. Hofmann aus Wohlen entwarf für den Bauherrn, die Walter Lüem AG, 13 fast identische Häuser mit 2 separaten Garagentrakten, 14 Garagenplätzen, 9 Hobby-Räumen sowie einer gemeinsamen Heizungs- und Tankanlage. Die Baufirma Doninelli aus Staufen wurde mit dem grossen Bauvorhaben beauftragt. Das Terrain so nahe an der Bünz war sumpfig und somit eher schwierig zu bebauen. Eine Wanne ohne Ablauf bildete den Keller und bot somit ein trockenes Fundament, welches das Eindringen von Feuchtigkeit verhinderte.
Die Walter Lüem AG beschäftigte zu dieser Zeit 110 Angestellte in Hendschiken und war ein bedeutender Arbeitgeber in der Region. Die Schlosserei stellte Spritzkabinen her, die an Autogaragen im In- und Ausland verkauft wurden. Die Siedlung war als günstiger Wohnraum für die Mitarbeiter gedacht, und so hatten diese auch ein Vorkaufsrecht an den Häusern. Vier Angestellte nutzten diese Chance und erwarben ein Einfamilienhaus. Diese vier beteiligten sich auch gleich am Bau und verrichteten jeweils samstags diverse Arbeiten in der Schlosserei. So stellten sie für alle 13 Häuser die Kellerfenster, Balkongeländer und Fenstersimse her. Die restlichen Häuser wurden ausgeschrieben und später auch mit einem Musterhaus (eingerichtet vom Möbel-Märki in Hunzenschwil) beworben.

Aus Häusern wird ein Zuhause
Die erste Familie zog im August 1972 in ihr neu gebautes Einfamilienhaus ein. Nach und nach wurde es lebendig im Steinacker und die Häuser wurden zu gemütlichen Eigenheimen. Der Siedlungsgedanke war zwar kein Fremdwort, aber zu dieser Zeit in ländlichen Gegenden sicher nicht oft anzutreffen.
Dem Benützungs- und Verwaltungsreglement ist Folgendes zu entnehmen: «Der Wille der Ersteller ist, eine neuzeitlich gestaltete Siedlung anzulegen, die das Zusammenleben unter möglichst günstigen und harmonischen Bedingungen ermöglicht. Aus diesem Bestreben heraus werden folgende gemeinsame Anlagen geschaffen, die den Gegenstand dieses Reglements bilden: Rasenfläche, Grünanlage und Kinderspielplatz, Springstein-Fläche, begehbare Wege, Autowaschplatz, gemeinsame Heizungs- und Warmwasseranlage». Was sich hier etwas trocken liest, hat sich in den letzten über 50 Jahren als erfolgreiches Konzept bewährt. Jedem Eigentümer der 13 Häuser gehört auch ein Teil des Gemeinschaftslandes. An der jährlichen Siedlungsversammlung werden aktuelle Themen besprochen und, falls es etwas zu entscheiden gibt, auch darüber abgestimmt. Die Verwaltung der Siedlung wird bis heute von einer Hauseigentümerin wahrgenommen. Auch andere Aufgaben wie Kassenrevision, Heizungsverantwortung, Umgebungspflege und Protokollführung werden von Siedlungsbewohnern erledigt.
Die schönen Gärten mit Blick auf die Bünz bieten Privatsphäre, sind Rückzugs- und Erholungsort und im Sommer auch der perfekte Platz für eine Gartenparty.
Zu Beginn haben vor allem jüngere Paare oder Familien die 13 Häuser an der Bünz bewohnt. Heute ist die Gemeinschaft ein Mix aus allen Altersgruppen und die Nachbarschaftshilfe nach wie vor sehr wichtig.
Wasser, Erholung und Gefahr
Die Gefahr des nahen Wassers ist immer präsent. Da die Häuser durch einen Wall geschützt sind, fliesst die Bünz jedoch bei Hochwasser auf der anderen Uferseite ins Landwirtschaftsland. Die Renaturierung im Jahr 2014 brachte einen grossen Mehrwert. Die zuvor kanalisierte Bünz floss wieder in ihrem natürlichen Bachbett und wurde zu einem weitherum geschätzten Naherholungsgebiet.
Leider wurde das Quartier trotzdem nicht vor Überschwemmungen verschont. Zum letzten Mal liefen im Frühling 2016 einige Keller im Steinacker mit Wasser voll. Bei einem heftigen Regenschauer fielen innert zwei Stunden 90 Millimeter Regen pro Quadratmeter. Der Boden konnte das viele Wasser nicht aufnehmen und so kam ein richtiger Bach vom Maiengrün herab.
Auch der Biber schätzt die Bünz im Steinacker und so hat er dort einen Biberdamm errichtet. Im Spätsommer 2026 wurde das fliessende Gewässer für kurze Zeit in einen «Biberteich» verwandelt.

Gallien liegt im Steinacker
Das tönt alles nach einer reibungslosen Quartiergeschichte. Das war allerdings nicht immer so! In der Planungsphase hat sich der Bauherr dem «Friede z lieb» für Flachdächer entschieden; nicht ganz freiwillig, wie man hört. Denn hinter der Siedlung wohnte, etwas erhöht, der damalige Gemeindeschreiber von Hendschiken und es wird gemunkelt, dass die Sicht aus seinem Fenster in Richtung Hendschiken nicht verbaut werden durfte. Gemäss Gerüchten soll bei einem Probesitzen auf dem bequemen Sessel der guten Stube über die Flachdächer der Siedlung entschieden worden sein.
Im Jahr 1984 mussten die Flachdächer jedoch saniert werden und einige der Eigentümer entschieden sich für eine Aufstockung mit einem Satteldach. Auch bei diesem Unterfangen gingen wieder Einwände bei der Gemeinde ein. Die Steinacker-Bewohner waren jedoch ein bisschen wie die Gallier im Asterix-Comic: Sie gaben nicht klein bei und kämpften für ihre Dächer. Nach zweijährigem Streit nahm die Kommission für Bauten aus Aarau einen Augenschein vor Ort vor und sprach ein Machtwort zugunsten der Siedlung: Die Dächer durften gebaut werden.
Das innovative Heizsystem
Ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Steinackersiedlung war und ist die Heizung. Anfangs wurden die 13 Häuser mit Öl aus einem 70’000-Litertank geheizt. Die Ölkrise Ende der 1970er Jahre und die steigenden Preise zwangen die Siedlung zu einer neuen Lösung. Im Jahr 1982 wurde eine der ersten Wärmepumpen mit Boiler im Dorf installiert. Dieses neuartige Heizsystem wurde mit Wasser betrieben, welches von der Bünz abgezweigt wurde. Der Nachteil daran war das tägliche Reinigen des Rechens, und dass es immer noch einen zusätzlichen Ölbrenner brauchte. Nach Jahren konnte dieses System nicht mehr effizient Wärme erzeugen. Mit der Renaturierung der Bünz war es zudem nicht mehr möglich, Bünzwasser abzuzweigen. Im Oberstufenschulhaus Risi in Dottikon wurde zu jener Zeit ein neues Heizsystem eingebaut. Basierend auf diesem Projekt entschied sich die Siedlung für eine Bohrung unter der Bünz hindurch. Das gereinigte Abwasser der ARA Wohlen, welches entlang der Bünz nach Wildegg geleitet wird, diente der Siedlung als zuverlässige Quelle zur Wärmeerzeugung. Mit dem neuen System, welches bis heute reibungslos läuft, konnte sogar die Ölheizung komplett heruntergefahren und der Tank stillgelegt werden.
Happy Birthday Steinacker
Wenn die Wände in den 13 Häusern sprechen könnten, wüssten sie so einige Geschichten, Dramen und freudige Ereignisse zu erzählen. Einige Häuser haben ihre Besitzer schon mehrmals gewechselt. Sie wurden umgebaut, angebaut, gestrichen und renoviert. In zwei Häusern wohnen noch heute dieselben Besitzer wie vor über 50 Jahren.
Aber nun zum Geburtstagsfest: Zu diesem speziellen Jubiläum wurden an einem sommerlichen Augustabend 2022 alle aktuellen und ehemaligen Steinackerbewohner eingeladen. Es waren auch ein paar Ur-Steinackerbewohner dabei und diese wussten einiges über die Anfänge der Siedlung zu berichten. Die Gläser wurden erhoben und auf 13 ganz besondere Häuser angestossen.
P.S. Wer wissen möchte, ob es im Steinacker eine Nummer 13 gibt, kann auf einem Spaziergang durch das Quartier dieses Rätsel lösen.
Text: Cornelia Schwaller (2026)
Titelbild: Luftbild 2025, Daten des Kantons Aargau






