
Dopolino über die Geschichte von Hendschiken, Teil 1
23. November 2025
Historische Luftaufnahmen 1930 und 1943
26. November 2025Aus Dorfpost Ausgabe 2010, Nr. 1
Im Auftrag der Redaktion berichtet Dopolino in 4 Etappen von der Entwicklung unseres Dorfes. Die Fakten sind historisch schon belegt, aber er lässt um den wahren Kern auch seine Fantasie spielen.
Mina, rett Di
Manchmal weiss unsereiner grad nicht mehr so richtig, wo ihm der Kopf steht. So auch meine Mina. Erinnern Sie sich? Mit ihr musste ich auf den Lenzburger Hübel, um das Schloss bauen zu helfen. Klartext: Steine klopfen musste ich wochenlang. Die Oberen nannten es Frondienst, für mich war es ein Hohndienst, und sicher kein Lohndienst. Und sackgefährlich war es auch, sag ich Ihnen. Die Steine wurden nämlich mit ganz primitiven Seilzügen nach oben gehievt. Buckelte doch meine Mina da gerade wieder eine Ladung heran, riss ein Seil und ich konnte nur noch rufen: „Mina rett Di!» Meine Initiative hatte meiner Mina das Leben gerettet; man sagte zäntume, ich hätte damit eine Mina-rett- Initiative ergriffen, und das nur wegen diesem blöden Lenzburger Türmchen! Nun, das Schloss stand und die Vornehmen liessen es sich gut gehen. Auf den Martinstag „durften» wir Hühner aufs Schloss bringen. Den Herren von Hallwil gehörte ein Teil meines Ackerlandes, die wollten manchen Sack Korn, das fromme Kloster Muri bestand pickelhart auf 36 Eiern und zwei Hühnern. Dumm und dämlich zahlten wir uns mit diesen Abgaben. Niemand kam draus, es hiess einfach: „Das isch eso», man zeigte uns ein altes Schreiben „Da stehts», es war lateinisch geschrieben und uns kam es ziemlich spanisch vor. Anno 1415 hörte man in unserer Gegend plötzlich Berner Dialekt, man hätte gwüss denken mögen, es würde ein Gotthelf-Film gedreht. Es war aber kein Film, denn die Berner hatten live den ganzen Aargau erobert, und zwar so diffig, dass man kaum glauben konnte, dass das die Berner gewesen wären. Ab jetzt hockten die Gnädigen Herren von Bern auf der Lenzburg, und zwar eine halbe Ewigkeit, die dauerte bis 1798.
Die Taliban von Lenzburg
Pssst, kommen Sie ein bisschen näher, das Folgende ist nicht für jedermanns Auge bestimmt: Wir waren in Hendschiken schon nicht die Frommsten; wir gingen zwar jeden Sonn- und Feiertag in die Kirche nach Staufen. Jä, Sie, nach Staufen, und das ohne Walking-Stöcke! Hin und zurück, denn wir gehörten zur Kirchgemeinde Staufen. Das gab immer so einen Durst, aber wir hätten Gott gwüss nicht trinken wollen vom Bünzwasser, also nahmen wir lieber Brönntswasser oder Mustum, suure Moscht. Irgendwann hiess es plötzlich, wir seien jetzt reformiert. Ui ui ui, jetzt begannen andere Zeiten. In Lenzburg gab es jetzt das Chorgericht. Da mussten wir antraben, wenn wir ohne Erlaubnis getanzt hatten. Oder zu laut gesungen. Oder geflucht. Oder wenn wir auf einer Bank heftig charisiert hatten, und dann dieses Bankgeheimnis doch bekannt wurde. Oder wenn einer von uns seinem Gschpusi ein so schönes Schmuckstück vermacht hatte, dass eine von den vornehmen Lenzburger Weibern neidisch wurde und uns beim Chorgericht einklagte. Oder eine Frisur zu gäch war. Ich sag Ihnen, das war so was von talibanmässig. Eifach wäge jedem Seich musste man vors Chorgericht. Die Richter selber waren nicht etwa Chorknaben; von einem sagte man, er laufe jedem jungen Hühnchen nach, bei uns nannte man ihn deswegen Hühnerwadel.
Hendschiker Widerstand
Und wissen Sie, was uns Hendschiker saumässig freute? Im April 1625 musste nämlich die Frau des Hendschiker Untervogts (Gemeindeammann) wegen ungebührlichem Verhalten vor dem Chorgericht erscheinen. Da kamen sie aber an den Falschen! Ihr Ehemann begleitete sie nämlich und sagte vor dem Chorgericht, die Chorherren sollten nicht so scheinheilig tun, sie seien etwa gar nicht besser. Da wurde er aber, wie es im Protokoll vom 14. Oktober 1625 bis heute nachzulesen ist, „gewaltig ghudlet» und zu 10 Gulden Busse verurteilt. Und wissen Sie, was der Protokollschreiberling weiter notierte, der Frechdachs?: „Der schöni Undervogt samt seiner tugendsamen Frau ziert die Gmeind zu Hendschiken wie ein Esel einen Rossmärit.» Jo gwüss, wir hattens nicht immer leicht. Aber wir wussten auch nichts anderes. So gingen die Monate und Jahre ins Land. Es gab Jahre, da wollte es überhaupt nicht regnen; und dann kam die Bünz wieder hoch daher, dass einem angst und bang wurde. Die Hausierer und heimkehrenden Söldner berichteten uns von Pest, Erdbeben in Basel. Und im Entlebuch hätten sich die Bauern gewehrt mit Mistgabeln gegen die Ausbeutung der Obrigkeit. Aber denen hätten es die Mächtigen schon ausgetrieben. Es muss schon einmal gesagt sein: Vergessen Sie die Sprüche von uralter Demokratie. 99% der Eidgenossen hatten nach dem Rütlischwur nichts zu sagen und nichts zu beissen, ausser ins Gras irgendwo in Morgarten, Murten oder Marignano. Es rumorte und gärte zäntumme. Vom grossen Chlapf, der sich daraus ergab, will ich dann aber nächstes Mal brichten.


