
Dopolino
23. November 2025
Dopolino über die Geschichte von Hendschiken, Teil 2
23. November 2025Aus Dorfpost Ausgabe 2009, Nr. 6
Im Auftrag der Redaktion berichtet Dopolino in 4 Etappen von der Entwicklung unseres Dorfes. Die Fakten sind historisch schon belegt, aber er lässt um den wahren Kern auch seine Fantasie spielen.
Vom Urknall der Römer
Ein paar Milliarden Jahre nach dem Urknall schuf Gott das Bünztal. Und das kam so: Gedankenverloren spielte er mit dem Temperaturregler auf der Erde, was so manche Eiszeit mit sich brachte. Deswegen streckte sich vor 20’000 Jahren auch eine Gletscherzunge aus den Alpen bis zum Bahndamm von Othmarsingen. Gletscherzunge! Für mich ganz klar ein prähistorischer Zungenkuss gigantischen Ausmasses.
Ziemlich später herrschten die Römer bei uns. Einmal im Jahre 46 v. Chr. hatte ich frei, weil es erster August war. Ich marschierte nach Windisch. Mein rotes Bündeli mit einem weissen Kreuzchen drauf trug ich an einem Haselstecken über dem Rücken. Plötzlich stellen sich mir zwei solariumbraune Typen in den Weg. „Qua vadis?» knurrten sie in Militärlautstärke. Ich sagte den zwei römischen Securitas auf keltisch, es sei schliesslich erster August und ich wolle nach Windisch in die Römerbeiz eins ziehen: „Wägem Wy wötti uf Windisch! – „Aha, vinum!» Genau, die hatten es kapiert, dass ich meine Promillegrenze abschreiten wollte.
Eben, wie schon gesagt, wir Hendschiker waren fast 400 Jahre lang unter römischer Herrschaft. Vier Jahrhunderte lebten wir sozusagen zweisprachig in Hendschiken: Unter uns sprachen wir keltisch, mit den Römern lateinisch. Sie waren ganz ordeli mit uns, die Römer, ein bisschen hochnäsig halt, wie frühe Berlusconianer. Später wollten die Römer Deutschland erobern, bekamen aber furchtbar eins aufs Dach und wurden von den Alamannen durch die Schweiz zum Teufel gejagt über den Gotthard.
Die Römer waren weg, dafür hatten wir jetzt die Alamannen, die frühen Steinbrücks sozusagen. Eines Morgens sah man bei uns im untern Bünztal die Bäume fallen. Ein gewisser Hantzo war am Werk; der baute sich da seinen Hof und ein paar Hütten. Man benannte, wie das damals üblich war, einen neuen Weiler nach dem Namen des Erbauers: „Hantzinghofun». Oft ging ich zum Hantzinghofun, also eben zum Hof des Hantzo, und trieb von dort die Schweine zum Eichelfressen in den Wald. Ich arbeitete nämlich Teilzeit im Naturallohn. Wenn ich kein Schwein hatte beim Schweinehüten und mir ein Schwein davon lief, sagte Hantzo amigs, er wolle mir schon zeigen, wo der Bartli den mustum hole. „Mustum!», der Blöffsack! Viele lateinische Wörter waren in unserer Gegend geblieben, auch wenn die Römer schon lange weg waren. „Mustum», dabei meinte er einfach Moscht. Na gut, unser Wort „Most» stammt tatsächlich vom lateinischen „mustum». Man war und ist zweisprachig – no problem, gä!
Hendschiken hiess also ursprünglich tatsächlich „Hantzinghofun»: aber das war so ein furchtbar langes Wort. Zu lang, das hatte doch auf keinem Runenstäbchen Platz! Es wurde gekürzt auf „Hanshinchon», daraus wurde „Henschichon», am Schluss hiess es noch Hendschikon und schliesslich „Hendschiken». Ich sag Ihnen, wenn das so weiter geht mit dem Kürzermachen heisst Hendschiken eines Tages nur noch „Schik», dann kommt ein ganz Gescheiter und behauptet, früher hätte das Scheich geheissen, wir würden von den Arabern abstammen, man sehe das daran, dass es in unsrem Dorf schon noch das eine und andere Kamel gebe.
Wenn es blitzte und donnerte, beteten wir zum Wotan und anderen Göttern. Weil der Wald für uns lebenswichtig war, beteten wir zu den Bäumen. Doch da kamen ein paar komische Typen in komischen braunen Kutten und erzählten uns komische Geschichten. Sie seien Christen und wir sollten ruhig einmal eine Eiche oder Buche, die uns heilig waren, umhauen; da würden sie aber alles wetten. dass kein Baumgott uns deswegen was zuleide tun würde: „Es gibt keine Baumgötter!» Das war ein starkes Stück; aber wir probierten es aus, und tatsächlich, die heiligen Bäume fielen um und es passierte uns gar nichts. Doch, einer kam unter den Baum und war tot: aber mit seinen 35 Jahren gehörte er auch schon zu den Senioren, denn mehr als 40 wurde kaum einer, damals.
Wir hatten es gar nicht lustig in Hantzinghofun. Wir vegetierten, wie die andern etwa 30’000 Leute im Aargau auch, in einem Holzbau mit offenem Dachstuhl. zusammen mit dem Vieh – im gleichen Raum! Da hätte man das ganze Hendschikerfeld mit Hybrid-Veilchen bepflanzen können, wir hätten immer noch gerochen wie die grunzenden Schinkenträger mit dem lustigen Ringelschwänzchen. Auf das Feuer im Haus mussten wir besonders aufpassen, denn ein Brand bedeutete immer Totalverlust. Damals war nix mit Feuerwehr, nix mit Gebäudeversicherung, nix mit Glückskette.
So gingen die Jahrhunderte ins Land. Nur ein paar Leutchen wohnten hier in Hantzinghofun. Viel Wald umgab uns, viel mehr als heute. Die Bünz floss unkontrolliert gerade so, wie es ihr passte. Der Speisezettel wurde von der Mutter Natur zusammengestellt: Beeren, Wurzeln. Pilze, Buchenkerne, junges Gras. Bärlauch, saure Äpfel und harte Birnen und Getreidebrei mit viel Wasser. Hendschiker Birchermüesli quasi. Vielleicht da ein Fisch und dort ein Hühnerei und im Winter mal eine Speckschwarte oder ein gekochtes Sauschwänzchen, wenn der Hofherr gute Laune hatte. A propos Hofherr: Eines Tages, das Jahr 1000 war schon vorüber, kamen zwei Mannen zu mir und meiner Mina nach Hantzinghofun und sagten: „Ihr müsst morgen früh auf dem Hübel über Lenzburg sein, da will einer ein grosses Steinhaus bauen. Ihr müsst mithelfen.» So gingen wir halt am folgenden Tag Steine schleppen. Ob es dabei wenigstens mustum gegeben hat, davon berichte ich in der nächsten Folge.


